Ein Leben geht zu Ende
Wieder einmal halte ich den Raum für das Sterben. Liebe und emotionale Erschöpfung halten sich die Waage. Doch alles ist gut, so wie es ist.
Seit mehreren Tagen befinde ich mich im Ausnahmezustand. Der Sterbeprozess hat bei meiner Mutter eingesetzt. Es ist 4.03 Uhr am 2.11.2026 und ich rolle den Oktober von rückwärts auf.
Warten.
Ich habe mir im Vorraum einen kleinen Schreibtisch eingerichtet. Der „Creativ Corner“ meiner Mama, in dem sie in stundenlanger, liebevoller Kleinarbeit ihre Modeschmuck-Kreationen herstellte, eignet sich hervorragend dafür.
Zuletzt standen hier Windeln, Durchzüge und Verbandsmaterialien für den Pflegealltag. Griffbereit beim Betreten der Golden Girl‘s Suite, die zuletzt immer mehr einem Krankenzimmer gleicht. Ist es ja auch.

Mein Wecker läutet nachts alle zwei Stunden und ein Blick auf mein Smartphone zeigt mir, ob Mama schläft oder sie unruhig ist und ich sofort zu ihr hinunter laufen muss.
Derzeit tobt ein innerer Kampf, der nicht schön anzusehen, doch ihr nicht abzunehmen ist. Ich habe es geschafft, ihr diesen letzten Weg daheim wunschgemäß zu ermöglichen. Jetzt heißt es ausharren, bis der Lebenskreis sich schließt.
Care-Hilfen
Anfang Oktober installierten wir ein zusätzliches Klingelsystem, damit bei einem Notruf in allen Geschossen ein Alarm ertönt. Das Notrufarmband ist mittlerweile zu unsicher geworden, da Mama es nicht mehr schafft, drei Sekunden durchgehend den Button zu drücken. Auch ihr Telefon kann sie nicht mehr handhaben.
Über eine Kamera kann ich jederzeit checken, ob rasche Hilfe benötigt wird. In den letzten zwei Wochen, lernten wir dieses Tool besonders zu schätzen, da Mama auch den Rufknopf nicht mehr zuverlässig aktivieren kann.
Verlauf
Mama wurde beim Rücktransport von der Urlaubspflege mit akutem Nierenversagen direkt ins Krankenhaus Floridsdorf eingeliefert. Ich besuchte sie im Oktober nahezu jeden Tag und es schien, als ob sich ihr Zustand etwas stabilisierte. Im letzten 12 von 12 berichtete ich darüber.
Es war klar, dass wir keine Wunder erwarten dürfen. Die Abstände der Krankenhausaufenthalte wurden zuletzt immer kürzer, zweimal wurde die geplante Entlassung verschoben. Schließlich entscheiden wir, Mamas innigstem Wunsch nachzukommen und sie nach Hause zu nehmen. Hier kann ich mich ganz anders um sie kümmern und sie liegt in vertrauter Umgebung.
Back home
Die ersten Tage läuft es gut und Mama entspannt sich zunehmend. Sie ist jedoch erschöpft und sehr schwach, ich merke, dass die Schlafphasen immer länger werden. Selbständig Essen und Trinken ist nicht mehr möglich, der ausgemergelte Körper ist einfach zu schwach und gehorcht nicht mehr.
Überglücklich, wieder daheim zu sein!
Da freut sich noch einer!
Genau das sind jene Dinge, die leider im Pflegebetrieb in Heimen und Krankenhäusern untergehen. Der Personalmangel ist enorm und vieles, das ich sah, gefiel mir gar nicht! Niemand kann sich die Zeit zum Füttern nehmen oder den Becher zum Trinken halten. Mama ist dankbar und glücklich, wieder daheim zu sein.
Ich verschiebe sicherheitshalber meine geplante Kur von Jänner auf April, um Mama einen nochmaligen Urlaubspflegeplatz zu ersparen.
Abschied nehmen
Wir stellen das Pflegebett nun so, dass ich von beiden Seiten hantieren kann. Die Betreuung wird zunehmend intensiver und für Mama belastender. Ich helfe mittlerweile auch beim Pflegedienst mit, denn vier Hände halten mehr als zwei. Es ist wichtig, den gebrechlichen, ausgemergelten Körper gut zu stützen, da er ein unkontrollierbares Eigenleben entwickelte.

Babsi und liebe Freundinnen kommen in diesen Tagen immer wieder mal auf Besuch. Es ist der richtige Zeitpunkt, denn Mama erkennt noch alle. Dann geht der Verfall rapide und wir stehen da, wo auch mein Rückblick begann, beim Halten des Raumes für das Sterben.
Öle bei der Sterbe-Begleitung
Die Diffusoren sind derzeit im Dauereinsatz. Aromaöle wie Weihrauch, Zypresse, Lavendel und Purification sind für mich ein ganz wichtiger Teil bei der Sterbebegleitung.

Düfte erreichen unmittelbar das Limbische System, können je nach Öl angstlösend und beruhigend wirken. Auch auf die Fußsohlen trage ich immer wieder Lavendelöl auf.
Mich selbst begleiten die Öle den ganzen Tag über, ebenso wie eine gute Versorgung mit meinen NEMs. All diese Helferlein unterstützen mich beim Durchhalten, ebenso wie der energetische Boost meiner Herzensfreundin Caro. Es ist erstaunlich, wie sehr ich ihre Behandlungen über die Ferne spüre.
Oktober-Highlights
Gibt es überhaupt noch Highlights in einer solchen Situation?
Ja die gibt es und das ist auch sehr wichtig. Ich erlaube mir unspektakuläre Auszeiten, wie eine Stunde über die Felder stapfen, eine kurze Runde im Gym oder einen Blitz-Kneipp-Gang im Marchfeldkanal. Derzeit tut mir eine Runde in der Natur, ohne jegliche sportliche Ambition, am besten. Ich funktioniere bereits auf Reserve.
Die prächtigen Herbstfarben tun meiner Seele gut!
Immer mit dabei! Ich mag nicht mit nassen Füßen in die Schuhe…
Ruhe. Frieden. Runter kommen.
Solche Pausen sind unglaublich wichtig. Sie machen den Kopf etwas freier und fühlen sich danach tatsächlich wie ein Highlight an. In der Zwischenzeit hält der MannMitHut die Stellung. Wir sind ein gutes Team, wieder einmal.