Mein Monatsrückblick: Juni 2026

Tägliche Konfrontation mit der eigenen Vergänglichkeit

Ein ausführlicher Einblick in die Neugestaltung unseres Pflege-Alltags sowie den damit verbundenen persönlichen Herausforderungen…

Nach wie vor zählt derzeit die Pflege meiner Mutter zur Hauptaufgabe. Zugegebenermaßen habe ich das Ausmaß der Entscheidung, sie nach einem Schlaganfall im Februar 2022 zu uns zu nehmen, unterschätzt.

Vielleicht hoffte ich insgeheim, dass der worst case an Pflege nie eintreten würde, bewusst war mir das mögliche Szenario sehr wohl. Dennoch weiß ich, dass der Aufenthalt in den eigenen vier Wänden heute ihr Antrieb ist, nicht aufzugeben. Es war richtig so.

Drei Wochen Klinik

Während der drei Wochen in der Klinik Donaustadt besuchte ich Mama nahezu täglich. Als sie mit Rotlauf, einer massiven Infektion und lebensbedrohlichen Blutwerten eingeliefert wurde, stellte ich mich darauf ein, dass sie womöglich nicht mehr nach Hause kommen würde. Es ging ihr ausgesprochen schlecht und in der Folgewoche ergaben sich weitere Komplikationen. Doch Mama kämpfte sich tapfer zurück.

Im Cafe Paracelsus warten wir auf einen leckeren Eisbecher

Gemeinsam mit dem MannMitHut beschloss ich schließlich, mich auf die weitere Pflege daheim einzulassen und alle vorhandenen Möglichkeiten zu nutzen. Seitdem ist unser Alltag ein völlig anderer. Dachte ich vorher, der Tagesablauf ist zum Teil mühsam, so sind die Anforderungen nun noch ein Stück größer. Glücklicherweise werde ich vom Fonds Soziales Wien (FSW) tatkräftig unterstützt.

Back home!

Am 18.6. schließlich, kam Mama nachmittags mit dem Krankentransport wieder nach Hause. Ich hatte alles bestens vorbereitet, auch die Fahrt klappte problemlos. Dennoch war die Erschöpfung groß, als sie daheim ankam.

Die Organisation vonseiten der Klinik Donaustadt mit dem FSW war vorbildlich: aufgrund der geänderten Bedürfnisse wurde bereits vom Entlassungsmanagement die mobile Hauskrankenpflege (HKP) sowie die medizinische HKP organisiert.

Noch am gleichen Nachmittag war der erste Helfer zur Stelle und gleich am nächsten Morgen erschien Kenan Pleho vom Roten Kreuz (als Case- und Care-Manager mein direkter, sehr sympathischer, kompetenter und äußerst engagierter Ansprechpartner), um die weiteren organisatorischen Details zu besprechen.

Dreimal täglich kommt nun die mobile HKP (insgesamt zwei Stunden am Tag) und dreimal pro Woche die WundmanagerInnen der medizinischen HKP zum Verbandwechsel.

Ich durfte viel von den Profis lernen, wichtige Handgriffe, die mir und meiner Mutter das Leben erleichtern. Trotz all dieser Hilfen ist die Betreuung zeitintensiv, denn auch zwischendurch gibt es immer wieder Situationen, die sofortigen Handlungsbedarf benötigen.

Betreuungs-Management

Da das Team des Roten Kreuz die Anforderungen und Gewohnheiten der zu betreuenden Personen erst kennenlernen muss, bin ich vorerst bei den Besuchen meist dabei und kläre die Gegebenheiten und Bedürfnisse ab. Die Einsatzzeiten sind unterschiedlich und ändern sich nahezu täglich, dennoch haben wir für das Rote Kreuz einen Plan für die kommenden zwei Tage.

Bei der medizinischen HKP ist das anders, die Krankenschwestern melden sich bei mir 10 bis 20 Minuten vor ihrem Eintreffen. Meine – derzeit kaum mehr vorhandenen – eigenen Vorhaben werden derzeit zum Großteil auf diese Zeitpläne abgestimmt. Da sich leider der Zustand des infektiösen Beins verschlechterte, wird seit 25.6. sogar täglich Verband gewechselt und am 8.7. steht ein dringender Besuch im Wundzentrum am Plan.

Was heißt „Pflege-Alltag“ überhaupt?

Der „normale Pflege-Alltag“ beinhaltet u.a.

  • je nach Zeitplan der PflegerInnen: morgens die ersten Handgriffe erledigen oder abends fürs Schlafen fertig machen
  • Kochen und Essen herrichten (wenn möglich essen wir mittags gemeinsam)
  • Einkaufen
  • Heilbehelfe organisieren und auftretende, zeitintensive bürokratische Hürden überwinden
  • mehrmals wöchentlich Laken, Durchzüge, Handtücher und Wäsche waschen
  • Zuhören und Trösten
  • immer wieder Empathie und Verständnis zeigen
  • Garten-Zeit einplanen (d.h. Mama gemeinsam mit dem MannMitHut im Rollstuhl sitzend in den Garten tragen, das Bein hochlagern und auf einen schattigen Platz achten). Die zeitliche Koordination kann bei vier Besuchen am Tag eine Herausforderung sein!
  • Medikamenten-Management
  • mehrmals am Tag nach dem Rechten sehen und
  • zwischendurch einfach tun, was zu tun ist (nicht immer kann ich auf die Pflegekräfte warten)
  • Bereitschaft in der Nacht (Notrufarmband, Smartphone neben dem Bett)

Unterstützung durch Öle

Meine Öle helfen mir sowohl bei der eigenen Abgrenzung, um die emotionale Belastung im Griff zu behalten, sind jedoch auch bei Mama regelmäßig im Einsatz. Ob beruhigend und stimmungsaufhellend im Diffuser oder z.B. bei der Narbenpflege am Bein (die Ergebnisse sind immer wieder erstaunlich).

Außertourliche Herausforderungen (wie der Besuch im Wundzentrum oder eine schlichte Blutabnahme), ziehen einen Rattenschwanz weiterer organisatorischer Maßnahmen mit sich:

  • mobile HKP und WM für den entsprechenden Tag absagen,
  • Krankentransport bestellen,
  • diverse Verordnungen für Heilbehelfe und Hygieneartikel einholen,
  • monatliche Verlängerung für den Einsatz des WM,
  • eine Ärztin finden, die bereit ist, einen Hausbesuch zu machen,
  • u.v.m.

Einfach „DANKE“!

Ich bin dankbar für die Erfahrung, dass sich immer wieder neue Wege auftun und mir Menschen begegnen, die mir weiter helfen. Ich darf ins Vertrauen gehen, das ist sehr beruhigend.

Auch wenn es vermutlich keine einzige der betroffenen Personen liest, möchte ich bei dieser Gelegenheit meinen Dank an alle Helferinnen und Helfer aussprechen. Ihr alle habt meine vollste Bewunderung für euren Einsatz! Es gehört viel Liebe, Empathie und Enthusiasmus dazu, sich so um alte Menschen (und natürlich auch andere Klienten) zu kümmern!

Loslassen & Akzeptanz

Mamas Kampfgeist und ihre Hoffnung auf Besserung lodern noch, dennoch tut es mir im Herzen weh, ihre Verzweiflung zu sehen. Alleine aufstehen ist nicht mehr möglich, Remobilisation (Querbettsitzen, Aufstehen, einmal mit der Gehhilfe die Wohnung queren) erfordert äußerte Anstrengung und ist nur mit Schmerzen, gemeinsam mit ein bis zwei Helfern, möglich. Alle Dinge, die sie erfüllten und Spass machten, sind nur mehr eingeschränkt bis gar nicht mehr machbar.

Ich durfte viel lernen in den letzten Wochen: wichtige Handgriffe in punkto Umlagern, Umkleiden, Hygiene, Intimpflege, vor allem aber in Bezug auf den würdevollen Umgang der PflegerInnen mit alten Menschen. Ich war überrascht, wie genau die Bedürfnisse der Klientinnen innerhalb des Teams abgesprochen werden und wie sehr man sich bemüht, ihnen auch gerecht zu werden.

Circle of Life

Die Pflege von Angehörigen erfordert Disziplin und Einsatzbereitschaft, eine große Portion Liebe und Einfühlungsvermögen. Sie bedeutet auch ständige Auseinandersetzung mit dem Thema der eigenen Vergänglichkeit. Immer wieder findest du dich in Situationen, die du lieber von dir weg schieben und verdrängen möchtest.

Gleichzeitig ist es jedoch eine ganz spezielle Zeit, die verbindet und völlig neue Tiefe schaffen kann. Es ist die mitunter schmerzhafte Vorbereitung auf das Abschied nehmen, ein Loslassen in Etappen. Circle of Life.

Und sonst noch so?

  • Grill-Treff und Pool-Party bei Freunden
  • zweimal Brunch auswärts
  • mit RINGANA im Modehaus Minnich – es war der 12.!
  • und nochmals Maria Theresia im Ronacher (ich hatte ja für Mama Karten besorgt) – wieder sehr gut!

Das meiste war nur möglich, weil Mama in der Klinik war, denn solche Aktivitäten sind (zumindest gemeinsam) ohne Grannysitter nicht mehr möglich. Wir haben es genossen!

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