Mein Weg durch die Trauer – Selbstliebe und Dankbarkeit

Trauer ist der Prozess vom Verlieren des Gehabten hin zum Haben des Verlorenen.“ Es braucht nicht nur Zeit um diesen Satz zu begreifen, sondern auch um mit Verlusten umgehen zu lernen. Wie persönlichkeitsverändernd diese Zeit sein kann, berichte ich dir in meinem heutigen Blog.

Was ist Trauer?

Trauer ist der Prozess vom Verlieren des Gehabten hin zum Haben des Verlorenen…

Diese Definition von S. Flemming beschreibt sehr eindrücklich, was dieser Prozess der Verarbeitung eines Verlusterlebens bedeutet. Ich musste mir diesen Satz, der so unglaublich viel zum Ausdruck bringt, erst ein paarmal durchlesen, bevor ich ihn begriff. Doch sofort spürte ich, dass er mich in meinem tiefsten Inneren berührte.

Straße auf dem Wiener Zentralfriedhof mit rosa blühenden Bäumen
Blühendes Frühlingserwachen auf der einen Seite, ewige Ruhe auf der anderen – Wiener Zentralfriedhof

Konfrontation mit der eigenen Endlichkeit

Trauer ist ein Prozess, der viele Stufen beinhaltet und häufig mit einem absoluten Neubeginn einher geht. Oftmals bist du sprachlos, kannst deinen Schmerz nicht artikulieren, verlierst den Halt und vermeintliche Sicherheit. Du bist dazu gezwungen Gewohnheiten zu ändern, dich von deiner Normalität zu verabschieden.

Trauer kann mit dem Verlust von Kontakten und Freundschaften einhergehen, denn oft wissen andere Menschen nicht, wie sie mit deiner Trauer umgehen sollen. Es gibt kein Richtig und kein Falsch in dieser Zeit, jeder geht anders mit seiner Trauer um.

Du wirst außerdem mit voller Härte mit deiner eigenen Endlichkeit konfrontiert. Ich merke deutlich, dass mein eigener Zugang zum Tod sich in einem Veränderungsprozess befindet, der definitiv noch nicht abgeschlossen ist. Möglicherweise wird er das auch nie sein.

alter Teil des Wiener Zentralfriedhofs mit lila Blumen im Vordergrund
Wiener Zentralfriedhof

Ich hatte unglaubliches Glück mit den Menschen in meinem näheren Umfeld. Ich habe einige wahre Freundinnen, Herzensmenschen, die mich annahmen, wie ich grade war. Die Verständnis für emotionale Achterbahnfahrten aufbrachten und die mich sowohl im Krankenhaus als auch danach mit aller Kraft unterstützten. Die einfach machten, als ich nicht konnte. Auch meine Tochter ist eine phantastische Hilfe und ich bin sehr stolz auf sie.

Angst vor dem Tod oder der Zeit davor?

Ich glaube, dass ich mehr die Zeit vor dem tatsächlichen Sterben fürchte, als den Tod selbst. Zuviel Grauenvolles sah ich hier und stellte für mich fest: ein rascher Tod ist eine Gnade.

Natürlich machte mich auch der Tod meines Vaters betroffen und die Zeit seiner Begleitung war eine sehr prägende. Dennoch ist es ein riesengroßer Unterschied, ob du deinen Vater oder dein Kind verlierst. Letzteres ist nicht „normal“, es geht ein Teil von dir selbst und das viel zu früh.

Grab auf dem Wiener Zentralfriedhof
Wiener Zentralfriedhof

Es ist eine schreckliche Vorstellung für mich, jemandem zur Last fallen zu müssen. Nicht mehr so tun können, wie ich will – eine ganz intensive Zeit der Verluste und der Beginn von Abhängigkeit. Das ist mit ein Grund, dass ich alles dafür tue, um möglichst lange fit und gesund zu sein. Gesundheit bedeutet Unabhängigkeit.

Die verborgene kraftvolle Magie

Zwei Menschen gleichzeitig zu begleiten, deren Diagnose Krebs im Endstadium lautet, ist persönlichkeitsverändernd, auch die Pflege eines alten Menschen (besonders der eigenen Eltern).

Du denkst viel darüber nach, was du selbst aus deinem Leben gemacht hast, was du noch erleben oder tun willst. Was denn die Botschaft ist, die das Schicksal dir hier so nachdrücklich vermittelt. Du beginnst – hoffentlich – deine Bucket-List zu schreiben oder dich zumindest gedanklich mit ihr zu beschäftigen.

Die eigene Gesundheit bekommt eine vollkommen andere Priorität. Du siehst während dieser Zeit Szenarien, die du nicht unbedingt sehen willst, sie sind unangenehm und machen Angst. Sie verfolgen dich Tag und Nacht. Auch später holen sie dich immer wieder ein. Am gleichen Ort, beim ähnlichen Klang, durch einen Duft oder ein Bild…

Gebetsgarten früh am Morgen mit brennenden Laternen
Gebetsgarten

Für mich ist die Strecke rund ums AKH zeitweise eine Tortour. Regelmäßig tauchen die Bilder der letzten Fahrten auf, als ich meinen Sohn zu den Behandlungen brachte und es ihm schon so schrecklich schlecht ging. Immer wieder sehe ich die letzten Stunden auf der Palliativstation vor mir.

Ich fühle jedoch auch die Dankbarkeit für jene Menschen, die dort arbeiten und uns – soweit es in ihrer Macht stand – auf sehr persönliche Art und Weise unterstützten.

Mein Trauerprozess

Meine Trauerarbeit dauert fort. Immer wieder beschäftige ich mich mit Alexanders Tod und bin dankbar für die Zeit, die ich mit ihm verbringen durfte. Dennoch überfällt mich immer wieder unfassbare Traurigkeit. Besonders schlimm ist es, wenn ich die Sugar-Daddy-Box zur Hand nehme, in der ich Erinnerungsstücke aufbewahre. Heute noch gibt es Tage, an denen ich einfach nicht fassen kann was geschah. Hier kannst du nachlesen, wie es mir an seinem zweiten Todestag ging.

Sonnenaufgang im Gebetsgarten im Teil der verstorbenen Kinder
Der rückwärtige Teil des Gebetsgartens wurde verstorbenen Kindern gewidmet.

Interessanterweise war 2022 dieser Artikel bzw. der Feed-Post dazu, jener mit der größten Reichweite und den meisten Likes. Anscheinend ein Thema, das Menschen betroffen macht, jedoch auch paralysiert und bei einigen zur Handlungsunfähigkeit führt. Persönliche Rückmeldungen bestätigten mir diese Ansicht. Gleichzeitig schieben viele von uns das Nachdenken über den Tod sofort wieder weg. Ich handelte lange Zeit genauso.

Ich weiß mittlerweile, dass Alexanders schöne, bunte Seele ihre Aufgabe in diesem Leben erfüllt hat. Sie ist jetzt in einer anderen Dimension, in der es ihr gut geht, sie genährt und voller Liebe ist. Sie hat mir einen deutlichen Auftrag hinterlassen. Einerseits auf mich zu achten und meine Selbstliebe endlich zu zelebrieren, andererseits anderen Menschen ein Beitrag auf ihrem Weg zu sein.

Leben und Tod – die Polarität des Seins

Ungefähr ein halbes Jahr nach dem Tod meines Sohnes holte ich mir Hilfe bei einer wunderbaren Frau. Mit ihrer Hilfe arbeitete ich viel auf, eine Familienaufstellung Ende 2021 war mehr als bewusstseinserweiternd. Im Mai 2022 glitt auch sie in die andere Dimension, doch sie war an meiner Seite, solange ich sie brauchte.

Schockiert von ihrer Todesnachricht, war ich dennoch innerhalb kürzester Zeit mit ihr verbunden. Vielleicht gerade deshalb, weil wir so oft über dieses Thema sprachen. Ich bin unglaublich dankbar dafür!

Gebetsgarten. Hier verbrachte ich viele Stunden in Angst, Verzweiflung und Zwiesprache.
Der Gebetsgarten, der auf meiner Walkingstrecke liegt. Viele Stunden verbrachte ich hier in Zwiesprache, Hoffnung, Angst und Verzweiflung.

Trauerbegleitung

Derzeit nehme ich an einem Kurs für Trauerbegleitung teil. Das Beleuchten der schmerzhaften Situation aus verschiedenen Perspektiven hilft mir beim Begreifen.

Noch vor ein paar Jahren dachte ich, Trauer ist in erster Linie die Folge des Verlusts eines geliebten Menschen oder Tieres. Doch das stimmt keineswegs, mit Trauer über Verlust wirst du tagtäglich konfrontiert. Das kann deine Gesundheit, diverse Fähigkeiten, deinen Arbeitsplatz, deinen Wohnort, einen Abschied und noch vieles mehr betreffen.

Die einleitende Definition trifft es für mich jedoch am eindrücklichsten.

Maisfeld im Herbst

„Am Grab der meisten Menschen trauert tief verschleiert ihr ungelebtes Leben.“

(Georg Jellinek)

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