Leben und Sterben – ein ewiger Kreislauf

Sei offen für alles was kommt. Nimm es an und hadere nicht. Sei achtsam und finde dein Geschenk. All das durfte ich in den letzten Jahren lernen. Erkenntnisse und Gedanken einer tanzenden Schmetterlingslady…

Zu-Fall

Ein paar Tage dachte ich bereits darüber nach, welches Thema ich diese Woche für meinen Blog wähle. Einige Entwürfe warten ungeduldig auf Fertigstellung. Auch der MannMitHut fragte unlängst neugierig nach. Er meinte, meine Blogs lesen, sei wie Serien schauen…

Plötzlich flatterte es in mein Emailpostfach, mein Wochenthema. Es war eine schlichte Erinnerung meines Partnerunternehmens an den Geburtstag einer Kundin.

Wenn dir irdische Lichtgestalten begegnen…

Diese Kundin, Patricia, wuchs mir im letzten Jahr sehr ans Herz, denn sie war in erster Linie meine Psychotherapeutin (Kundin wurde sie erst nach unserer letzten Sitzung). Sie begleitete mich in der schwierigsten Phase meines Lebens. Durch eine Phase, in der ich sehr verzweifelt war und mit dem Tod meines Sohnes und meines Vaters fertig werden musste.

Während jener Zeit, in der ich sie monatlich konsultierte, übersiedelte Patricia in einen anderen Ortsteil. Sie zog in ein Haus, das genau gegenüber einer Arztpraxis liegt. Der Praxis jener Urologin, die meinen Vater bis zu seinem Tod behandelte, anfangs in der Praxis, im weiteren Verlauf seiner Krebserkrankung im Krankenhaus. Es war ein eigenartiges Gefühl nun alleine in diese Straße zu fahren. Jedesmal stürmten viele schmerzhafte Emotionen und bitter-süße Erinnerungen auf mich ein. Es sollte wohl so sein.

Am 9.7. hätte Patricia ihren 55. Geburtstag, doch sie ist vor einigen Wochen plötzlich und unerwartet von uns gegangen. Ich denke sehr oft an sie. Sie war eine jener Lichtgestalten, die plötzlich auftauchten und mir in meiner größten Verzweiflung weiterhalfen. Nie werde ich die Familienaufstellung vergessen, die sie leitete. Sie war phänomenal, trotzdem ich mit unglaublicher Skepsis dorthin ging!

Familienaufstellung am 6.11.2021

In die andere Dimension wechseln

Ich erfuhr von ihrem Ableben an einem grundsätzlich sehr freudvollen Wochenende am Semmering. Hier verbrachte ich beschwingte Tage mit einem Teil meines Teams. Wir alle freuten uns schon sehr darauf, einander endlich wieder zu treffen, gemeinsam zu lachen und uns auszutauschen. Wir wanderten durch die Wälder und verbrachten viel Zeit auf dem Berg. In diesen Stunden war Patricia immer bei mir. Interessanterweise dachte ich die Tage davor sehr oft und sehr intensiv an sie.

Leben und Sterben liegen so nahe beieinander, auch wenn wir es oft nicht wahrhaben wollen. Doch es gibt eine Energie, die alles verbindet. Diese Energie bleibt, auch wenn eine Person die Dimension wechselt.

Teamwochenende am Semmering, Mai 2022

Trotzdem verbunden sein

Jetzt gerade, wo ich diese Zeilen verfasse, ist sie ganz nahe bei mir und schaut mir über die Schulter. Bestimmt lächelt sie, denn ich höre sie sagen: „Ja Evi, ich finde es so toll, was du machst! Genauso haben wir das in einer unserer letzten Sitzungen besprochen. Hör dir doch die Aufzeichnung nochmals an! Du bist prädestiniert dafür, anderen Frauen Impulse zu geben und sie mit deinem Wissen zu unterstützen. Genau das ist dein Ding. Zieh es jetzt endlich durch und sei du selbst! Du machst das ganz wunderbar!“

Ich möchte möglichst viele Frauen in ihre Kraft führen. Ihnen Wege zeigen, wie sie sich entfalten und neu erleben können, sei es jetzt körperlich oder beruflich. Es gibt unzählige Möglichkeiten, die uns Silverladies offen stehen in dieser Phase der Metamorphose. Für mich ist sie eine Metapher für die Wandlung des depressiven Wechselweibs in eine schillernde, mit den Hormonen tanzende, sich im Takt wiegende Schmetterlingslady.

Zwiegespräch im Gebetsgarten

Vielleicht gehe ich in den Gebetsgarten und zünde Patricia zu Ehren eine Kerze an. Dieser von wem auch immer liebevoll gestaltete Gedenkplatz auf meiner Laufstrecke, ist mir mittlerweile sehr wichtig geworden. Nicht weil ich so ein gläubiger Mensch bin. Ich hab einen guten Draht zum Universum und hab dort ganz spezielle Ansprechpartner, die alles für mich checken.

In jenem Gebetsgarten verbrachte ich viele, sehr viele Stunden, als es Alex und Papa schlecht ging. Ich äußerte anfangs meine Wünsche nach Genesung, zumindest jedoch Besserung. Doch je mehr sich der Gesundheitszustand verschlechterte, desto mehr bat ich um die für sie beste Entscheidung.

Annehmen was ist

Ich lernte anzunehmen. Lernte, wenn auch schmerzhaft, dem Leben zu vertrauen. Etwas zu wünschen kommt immer aus meinem Ego, doch so läuft das im Leben nicht. Ich lernte immer am meisten, wenn es am schmerzhaftesten war.

Patricia lehrte mich, mit meinen verstorbenen Lieben so zu reden, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Für alle Beteiligten ist es besser, nicht ständig traurig zu sein. Sie nahm mir die Schwere und riet mir, ihnen einfach zu erzählen, was mich beschäftigt, was grade passiert oder sie um Rat zu fragen. Damit fahre ich gut, trotzdem immer wieder mal die Tränen fließen.

Rituale schaffen

Um nochmals kurz auf den Semmering zurück zu kehren: wann immer wir dort sind, ist ein Fixpunkt der Ausflug nach Maria Schutz, ein Ritual „der Zeit danach“. Für den MannMitHut und mich hat er eine ganz besondere Bedeutung. Der Kirchenwirt war ein beliebtes Ausflugsziel der Motorradblase, denn dort gibt es die berühmten Klosterkrapfen und es ist eine schöne Tour. Wir erhielten nach Alex Tod zahlreiche Fotos von seinen Freunden, u.a. dieses hier.

5.3.2016 … als meine Welt noch in Ordnung war…
oder ich es mir zumindest einredete…

Alex war leidenschaftlicher Motorrad-Fahrer. Zugegebenermaßen anfangs sehr gegen unseren Willen, doch was willst du machen, wenn die Kids erwachsen werden? Stundenlangen Diskussionen zum Trotz realisierte er sein Hobby. Glücklicherweise mit Vernunft – zumindest redete ich mir das ein. Ich gab meine Befürchtungen an das Universum ab, sonst wäre ich hysterisch geworden. Ich kannte ja die Liebe meines Sohnes zu rasanten Gefährten.

Veränderung des Blickwinkels

So sehr ich immer aufatmete, wenn er über die Wintersaison seinen Zulassungsschein still legen ließ, rückblickend gesehen hätte es mir unbändige Freude bereitet, wäre er wieder Motorrad gefahren. Es ist schon interessant, wie sich die Sichtweise schlagartig ändert.

Er selbst sagte in den letzten Wochen: „Mir wäre es lieber, sie hätten mich vom Motorrad geklaubt, als dass ich an Krebs sterbe.“ Ich konnte im Moment nichts sagen, denn alles in mir sträubte sich gegen die Akzeptanz der Realität. Doch ich verstand was er meinte.

Engel in Menschengestalt

Es gab interessanterweise einige Personen, die plötzlich – wie aus dem Nichts – auftauchten und mir eine Botschaft oder Hilfestellung in irgendeiner Form überbrachten. Dafür bin ich überaus dankbar und ich möchte noch von einer weiteren erzählen, nennen wir sie Hilde.

Hilde betreute Alex im AKH wegen Diabetes. Nach einem Jahr Immuntherapie stellte Alex’s Bauchspeicheldrüse ihre Funktion ein und er musste regelmäßig Insulin spritzen. Alex schätzte Hildes Kompetenz sehr – das kam nicht häufig vor. Ich hatte das Glück, sie bei einem meiner Besuche im AKH kennen zu lernen. Ich hinterlegte ihr bei nächster Gelegenheit ein kleines Geschenk mit Visitenkarte als Dankeschön für die liebevolle Betreuung. Sie bedankte sich und so entwickelte sich ein Austausch, der zu einem gemeinsamen Kaffeeplausch führte.

Einlassen auf das Unglaubliche…

An diesem Tag brachte sie mir ein Buch mit dem Titel „Mutige Seelen“ von Robert Schwartz, in dem es inhaltlich um die Frage geht, ob wir unsere Seelenaufgabe bereits vor der Geburt planen. Nach den ersten Kapiteln war ich hin- und hergerissen, was ich davon halten sollte. Irgendwann legte ich es als „zu spooky“ zur Seite. Doch je schlechter es Alex ging, umso mehr drängte es mich, es wieder hervor zu holen und weiter zu lesen.

Letztendlich las ich es innerhalb von ein paar Tagen aus. Ich fand immer mehr Trost in der Vorstellung, dass alles was passiert dazu dient, uns unserer Lebensaufgabe, unserem Seelenplan, näher zu bringen. Jedes Ereignis dient dazu, uns wachsen zu lassen, nichts ist vollkommen sinnlos.

Trauerbegleitung

Im Oktober steht ein mehrmonatiger Online-Kurs für Trauerbegleitung auf dem Programm, somit schließt sich der Kreis. Dieses Thema ist nach wie vor sehr präsent in meinem Leben. Durch die intensive Pflege meiner Mutter werde ich täglich mit der Thematik des Abschiednehmens, des Verlustes und der Trauer konfrontiert.

Trauer – der Prozess vom Verlieren des Gehabten hin zum Haben des Verlorenen…

Begleitskript von Savina Tilmann zum geplanten Kurs „Trauerbegleiter“ an der Heilpraktikerschule Isolde Richter
Impressionen vom Wiener Zentralfriedhof

Ich bin bereit, mich jetzt auch mit meiner eigenen Vergänglichkeit auseinander zu setzen. Ich denke, genau dafür wird dieser Kurs gut geeignet sein. Ich werde mich wiederum auf den Weg in mein Innerstes machen und noch ein paar weitere Evelyne-Schichten entblättern, mich wieder ein bisschen genauer kennenlernen. Es ist ein langwieriger Prozess.

Viele Silverladies werden in dieser Lebensphase mit dem Thema Betreuung von Angehörigen, Abschied nehmen und Tod konfrontiert. Es ist ein natürlicher Prozess, doch mitunter hat das Schicksal ganz andere Herausforderungen parat.

Verlust und Abschied nehmen…

Trauer und Abschied nehmen haben nicht immer mit dem Tod eines geliebten Menschen zu tun, das durfte ich erst vor Kurzem lernen. Es gibt viele schmerzhafte Abschiede im Leben, die mit Trauer verbunden sind.

Anlässe für Trauer können sehr vielfältig sein: der Verlust des Arbeitsplatzes, Krankheit, der Tod eines geliebten Haustieres, Veränderung des Aussehens/Schönheit, der Verlust der Wohnung/des Hauses/der Heimat, schwindende Fähigkeiten… Ich könnte unendlich fortsetzen. Es steht mir nicht zu zu bewerten, ob es die „Trauer wert ist“. Es geht um Achtsamkeit, Akzeptanz und Einfühlungsvermögen für mein Gegenüber.

Sehr tiefgründig finde ich den Artikel „Was ist Trauer? Der Versuch einer Definition.“ von Sabine Scholze, einer meiner Schreibschwestern. Er hat mich tief berührt und sie hat mir auch den oben erwähnten Kurs wärmstens ans Herz gelegt. Ein herzliches Dankeschön dafür!

Neue beste Freundin

Die Auseinandersetzung mit meinem vielschichtigen Selbst hat mir mittlerweile bewusst gemacht, was in mir steckt und dass ich sehr gerne phasenweise mit mir alleine bin. Ich konnte einem Solo-Urlaub früher nie etwas abgewinnen. Mittlerweile gehört das zu einer durchaus lieb gewordenen Vorstellung.

Ich weiß, manche Reiseziele sind für den MannMitHut aufgrund seiner Einschränkungen einfach uninteressant und das ist auch ok so. Ich werde die Zeit dort mit meiner neuen besten Freundin verbringen. Mit mir.

6 Kommentare

  1. Liebe Evelyne, ab sofort hast Du eine treue (Ver-) Folgerin Deines Blogs! Du schreibst so schön und klar, dass es eine absolute Freude ist, Dir durch Deine Tage und Deine Gedanken zu folgen. Und ich bin sehr stolz und froh, mit Dir bei den Schreibrebellinnen zusammen schreiben zu dürfen.
    Hab‘ vielen Dank für das Verlinken! 🙂

    Herzliche Grüße – auch an Deine philosophischen Vierbeiner,

    Sabine

    1. Liebe Sabine,
      vielen Dank für dein Feedback! Du bist ein großes Vorbild, weil du bereits sehr viel Erfahrung beim Bloggen hast und ich deine Art zu schreiben sehr mag. Ich werde in Zukunft einige deiner Tipps befolgen, über manche Dinge hab ich mir ohnehin schon den Kopf zerbrochen…
      Vor allem werde ich meine Blogartikel bewusst kürzer gestalten. Die epische Länge war bereits seinerzeit bei meinen Deutsch-Schularbeiten eine Eigenart von mir… 😂

  2. Liebe Evi! Es ist sehr berührend wie und was du schreibst. Ich möchte dir von einem Erlebnis berichten dass ca. 10 Jahre zurückliegt. Eine Freundin, die ich sehr liebte erkrankte an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Ich besuchte sie immer im Krankenhaus. Sie war eine unglaublich starke Frau und hat nie geklagt oder mit dem Schicksal gehadert. Sechs Wochen bevor sie starb bat sie mich nicht mehr zu kommen und auch nicht mehr anzurufen. Ich war so traurig darüber und ihr Mann berichtete täglich über ihren Zustand. Sie fiel kurz darauf ins Koma. Am besagten Tag wachte ich auf und wusste, dass ich sie besuchen werde, ob sie will oder nicht. Ich fuhr um 8 Uhr ins Krankenhaus und sie verstarb um 8 Uhr. Es war als ob sie mich gerufen hätte und ich konnte bei ihr sitzen und Abschied nehmen. Sie war eine unglaublich tolle, ganz einfache Frau und ich bin heute sehr dankbar dass ich sie ein Stück ihres Weges begleiten durfte.

    1. Puh Helga, ich bekomme Gänsehaut, wenn ich das lese! Ich hab in den letzten Jahren eine vollkommen andere Einstellung zu dieser allumfassenden Energie gewonnen. Natürlich hab ich auch viel von unserer Lieblingshexe Caro gelernt 😍. Doch es gab einige Vorkommnisse, bei denen ich sicher weiß, die da oben passen auf uns auf und sind mit uns verbunden!

    1. So lieb von dir Christine, vielen Dank für dein Feed back! Es ist zwar immer wieder spannend auf den „Veröffentlichen“-Button zu klicken und macht mich leicht nervös, doch ich schreibe mich nach und nach frei. Anregungen sind herzlich willkommen!

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