Die Zeit heilt alle Wunden… what the f*ck!

Nach zwei Jahren intensiver Trauerarbeit kann ich dir versichern: ich lerne mit dem Schmerz zu leben. Ich versuche ihn zu bändigen und im Zaum zu halten. Ihm Sinnhaftigkeit zu verleihen, indem ich ihn als meinen Antrieb und Lehrmeister sehe. Jede Woche, jeden Tag, jede Stunde ein bisschen mehr. Doch heil ist gar nichts!

Heute vor genau zwei Jahren, am 16.8.2020 starb mein Sohn Alexander. Am 7.10.2020 wäre er 32 Jahre alt geworden. Begreifen tu ich es bis heute nicht.

Vor dem Grab

Niemand, wirklich niemand kann sich vorstellen, was in einer Mutter vorgeht, die ihrem Kind beim Sterben zusehen musste. Die sich zeitweise noch immer fragt, was sie hätte anders machen können. Warum gerade ihr Kind? Ist es in Ordnung, wenn die Jungen vor den Alten gehen?

Todesangst

Wenn du die Angst in den Augen deines Kindes siehst – egal welchen Alters – ist das über alle Maßen schmerzhaft. Es ist dein Kind und du willst es beschützen, willst das drohende Unheil abwenden. Doch du kannst nichts tun. Gleichzeitig raubt dir kaltes Entsetzen die Luft zum Atmen, krallt wie ein schreckliches Monster seine Klauen um dein Herz, weil du dir deiner Machtlosigkeit bewusst wirst. Du erkennst, dass dein Kind vor dir stark sein möchte, gleichzeitig jedoch genau weiß: Es. Ist. Verdammt. Ernst.

Grab am Wiener Zentralfriedhof

So ging es mir damals, als wir endlich in der Notaufnahme landeten. Nach mehreren verzweifelten Versuchen, den Ärzten klar zu machen, dass es meinem Sohn schlecht geht. Sehr schlecht. So geschehen am Donnerstag, dem 13.8.2020.

Alexander ging es bereits seit Wochen nicht gut. Um die Schmerzen halbwegs erträglich zu halten, stand er unter schwersten Opiaten, weshalb ich immer als Begleitperson mit ihm ins AKH fuhr. Onkologie, Schmerzambulanz, Orthopädie – kilometerlange Gänge im AKH. Jedesmal aufs Neue ein Kampf das durchzufechten. Scheiß-Corona. Ein Blinder sah, dass er sich nicht mehr alleine auf den Beinen halten konnte. Ich hatte bereits einen Rollstuhl besorgt. Doch an diesem Tag war es besonders schlimm.

Engel in Blau

Der Tag endete mit der Aufnahme auf der Palliativstation des AKH Wien – „weil sonst kein Bett frei war…“ Am Freitag fuhr der MannMitHut zu seinem Sohn und verbrachte den Nachmittag bei ihm. Nach vielen Infusionen ging es Alexander kurzzeitig besser und sie führten gute Gespräche. Ein letztes Geschenk des Schicksals. Ganz kurz tauchte der Funken einer Hoffnung auf, kurze Zeit später brutalst niedergemetzelt von der grausamen Realität.

Gebetsgarten Kerzen

Am Samstag begann das Desaster. Ich möchte mir ersparen die Details in Worte zu fassen, es reicht wenn ich sie vor meinem inneren Auge immer wieder durchlebe, vergessen kann ich sie nie. Das sind Bilder, die nicht für die breite Masse bestimmt sind. Ich halte sie unter Verschluss. Gelegentlich jedoch gebe ich meiner Trauer Raum und lasse die Tränen fließen.

Ich glaube, es dauerte einen Monat bis ich es schaffte, nochmals auf die Palliativ-Station zu gehen und mich zu bedanken. Auf Wunsch ein Bild aus guten Zeiten vorbei zu bringen, ein Dankschreiben sowie einen Obstkorb und Selbstgebackenes . Es war eine der schlimmsten Aufgaben meines Lebens, denn die offene Wunde begann bereits auf der Fahrt wieder zu bluten. Zu viele schreckliche Bilder der vergangenen Wochen stürmten auf mich ein.

Von Herzen – Danke!

An dieser Stelle möchte ich ein weiteres mal meinen Dank aussprechen an all die Herzensmenschen, die auf den verschiedensten Palliativstationen arbeiten. Egal ob Ärzte, Krankenschwestern, Pfleger – ich schließe jeden einzelnen mit ein. Es ist unglaublich was ihr leistet und mit wieviel Empathie ihr das macht.

Hand in Hand

Die Pflege eines schwerstkranken Menschen ist körperlicher Höchsteinsatz, ich war nicht nur psychisch an meinen Grenzen. Ich habe den gleichen liebevollen Einsatz bereits drei Monate später in einem anderen Krankenhaus bei meinem Vater erlebt. Ich besuchte ihn von Oktober bis Mitte Jänner nahezu täglich auf der Palliativstation in Mistelbach. Er starb am 17.1.2021, exakt 5 Monate nach Alexander.

Ihr alle seid für mich Engel in Blau. Danke, dass es euch gibt!

Ort des Friedens

In den Monaten davor und danach besuchte ich immer öfter den nahegelegenen Gebetsgarten. Es hatte sich, ich weiß gar nicht wann, eine Gemeinschaft gefunden, die dieses Fleckchen liebevoll in Schuss hält, frische Blumen einsetzt, die Kerzen austauscht, sich um den anfallenden Müll kümmert, gelegentlich eine Freiluft-Messe dort zelebriert.

Nein, ich bin nicht gläubig im herkömmlichen Sinn. Anders eine Herzensfreundin, die einige Zeit bei uns zu Gast war. Beim Spazierengehen fiel ihr dieser Platz auf und sie besuchte ihn fortan regelmässig. Oft war ich schon dort vorbei gelaufen, doch ich hatte diesem Ort nie irgendwelche Bedeutung bei gemessen.

Eingang zum Gebetsgarten

Annehmen was ist

Je schlechter es meinem Vater und Alexander ging, desto mehr zog es mich jedoch plötzlich dorthin. Ich verbrachte viele Stunden dort, Stunden des Hoffens, der Verzweiflung, des Bittens, des Wünschens und letztlich nur mehr des Annehmens.

Auch heute noch biege ich regelmässig bei meiner Laufrunde dort ab. Sogar für die beiden Tibeter ist es mittlerweile eine Selbstverständlichkeit, dort einzukehren und im hinteren Bereich eine Rast zu machen. Zwiesprache zu halten in jenem Bereich, der den toten Kindern gewidmet ist. Ich fühle mich Alexander hier näher, als an seinem Grab.

Dremo im Gedenkgarten

Wo ist mein Geschenk?

Was habe ich nun gelernt? Welches Geschenk konnte ich entdecken? Kann so eine Situation auch etwas Positives haben? Wenn dein geliebtes Kind an einer unheilbaren Krankheit stirbt?

Ich habe in diesen Wochen und Monaten, in denen ich meinen Vater und meinen Sohn bei ihrer Krebserkrankung begleitet habe erkannt, welch ungeheure Kraft in mir schlummert. Welche Fähigkeiten die Verzweiflung mobilisieren kann, wenn du deinen Liebsten helfen willst.

Engel in Menschengestalt

Ich hatte Begegnungen mit Menschen, die mir Botschaften übermittelten oder Hilfe anboten, die ich sonst nie kennen gelernt hätte. Kontakte, die weit über die Zeit des Sterbens hinaus reichen und die mir heute sehr viel bedeuten.

Im Februar 2021 nahm ich psychotherapeutische Hilfe in Anspruch. Es ging mir emotional sehr schlecht. In Patricia fand ich eine unglaublich hellsichtige, herzenswarme und sehr klare Begleitung. Ich lernte, dass es vollkommen in Ordnung ist, liebevoll auf mich zu achten und dass es immer einen Weg gibt. Ich habe zahlreiche echte, wirkliche Freunde, die in dieser schweren Zeit für mich da waren. Es ist so unglaublich viel Dankbarkeit in mir.

Ich öffnete mich gegenüber der Geistigen Welt, der Spiritualität, erkannte, dass es da einfach noch mehr gibt. Nenne es Universum, Glauben, Höheres Selbst, wie auch immer. Meine Lieben sind bei mir und sie schauen auf mich. Auf uns. Das haben sie mir gezeigt.

Sonnenaufgang im Gedenkgarten

Ich durfte viel über mich, meine Familie und den Umgang mit dem Sterben von Patricia lernen. Ich durfte die Erfahrung einer äußerst professionell geführten Familienaufstellung machen. Es war mehr als nur beeindruckend, es war bewusstseinserweiternd! Nur fünf Monate später glitt auch Patricia hinüber in diese andere Dimension.

Oberste Priorität – meine Gesundheit

Nur wenn du dein Leben pro-aktiv in die Hand nimmst, kannst du etwas verändern. Ich sehe diesen Schicksalsschlag als Arschtritt. Als Weckruf, mein Leben eigenverantwortlich zu leben und auch anderen Menschen Impulse zu geben. Sobald ich für mich Veränderungen treffe, ändert sich in der Folge etwas im Außen.

Das Allerwichtigste jedoch: meine Gesundheit hat oberste Priorität. Ich unterstütze meinen Körper auf allen Ebenen. Ich achte auf meine Ernährung, betreibe ein aktives Bewegungsprogramm. Ich habe 11 kg abgenommen und ich gehe bewusst zu Vorsorgeuntersuchungen. Ich arbeite intensiv an meinem Mind-Design.

Ich zog aus dem Schicksal meines Sohnes ganz bewusst für mich Konsequenzen. Sein Tod war schrecklich, er soll nicht umsonst gewesen sein.

Blick im Gedenkgarten

Ich bekam zahlreiche Bücher, die mir sehr geholfen haben. Ich werde dir die wichtigsten hier auflisten, vielleicht kennst du jemanden in einer ähnlichen Situation oder möchtest selbst hinein lesen.

  • Mutige Seelen, Robert Schwartz
  • Die sieben Geheimnisse guten Sterbens, Dorothea Mihm
  • Anleitung zum guten Sterben, Dorothea Mihm

Ach ja, einen Filmtipp möchte ich dir unbedingt mit auf den Weg geben. „Das Beste kommt zum Schluss“ oder im Originaltitel „The Bucket-List“ mit Morgan Freeman und Jack Nicholson. Lege dir Stift und Papier sowie eine große Box mit Taschentüchern bereit! Ich habe diesen Film schon mindestens dreimal gesehen…

Verlust und Trauer

Ich beschäftige mich nach wie vor intensiv mit dem Sterben und meiner eigenen Vergänglichkeit. Ich betreue seit Februar meine Mutter, der es gesundheitlich zur Zeit nicht gut geht. Ich werde täglich mit Verlust und Trauer ihrerseits konfrontiert. Verlust von Fähigkeiten, der Gesundheit, dem Heim, dem Partner. Nicht immer einfach, doch so ist das Leben. Ein Kommen und ein Gehen. Ein Geben und ein Nehmen.

Wenn du aufgrund starker Schmerzen keine Lebensqualität mehr hast, ist es dann nicht eine Gnade, wenn es schnell geht? Eine schwere Wirbelsäulenoperation ist Alexander, dem begeisterten Motorradfahrer, glücklicherweise erspart geblieben. O-Ton: „Mir wäre lieber, sie hätten mich vom Motorrad geklaubt, als dass ich an Krebs sterbe.“

Einen Monat vor seinem Tod erfüllte er sich einen Wunsch seiner Bucket-List. Er hatte sich ein Motorrad ausgeborgt, seine Traummaschine. Damit fuhr er eine Tour über das Stilfser-Joch. Mit einem gebrochenen und einem zur Hälfte zerfressenen Wirbel. „Wenn ich wieder fit bin, dann kaufe ich sie mir!“ Das hielt ihn aufrecht, er hatte einen unbändigen eisernen Willen. Immer.

Letzte Motorradtour am Stilfser-Joch

Die Sugar-Daddy-Box

Ich denke nahezu täglich an ihn. In einer Box bewahre ich Erinnerungsstücke auf: sein Spritzen-Set, ein paar seiner Messer (er hatte schon als kleiner Bub immer ein Taschenmesser bei sich, McGyver war sein 2. Vorname), kleine Werkstücke aus dem TGM, Krims Krams der für mich Bedeutung hat, das Stützmieder, das er zuletzt tragen musste.

Die Box ist im Kasten verstaut und hat die Aufschrift „Sugar-Daddy“. So nannte ihn eine gute Freundin liebevoll, seitdem er Insulin spritzen musste. Ich kann sie nicht öffnen, ohne dass es mir das Herz zerreißt, ebenso wie das Kondolenzbuch.

Ausbildung zur Trauerbegleiterin

Im Oktober nehme ich an einer Ausbildung zur Trauerbegleiterin teil. Sie startet einen Tag nach Alexanders Geburtstag und wird mir helfen, noch mehr in die Tiefe meines Unterbewusstseins vorzudringen. Mich selbst noch ein Stück weit näher kennen zu lernen. Mich intensiver mit den Verlusten meiner Mutter auseinander zu setzen. Auch andere Menschen dahingehend zu unterstützen. Mich meiner eigenen Vergänglichkeit und dem Thema Sterben weiterhin zu stellen.

Und die Zeit bis dahin intensiv zu nützen.

Was ist Sterben?


Ein Schiff segelt hinaus und ich beobachte
wie es am Horizont verschwindet.
Jemand an meiner Seite sagt: „Es ist verschwunden.“
Verschwunden wohin?
Verschwunden aus meinem Blickfeld – das ist alles.
Das Schiff ist nach wie vor so groß wie es war
als ich es gesehen habe.
Dass es immer kleiner wird und es dann völlig aus
meinen Augen verschwindet ist in mir,
es hat mit dem Schiff nichts zu tun.
Und gerade in dem Moment, wenn jemand neben
mir sagt, es ist verschwunden, gibt es Andere,
die es kommen sehen, und andere Stimmen,
die freudig Aufschreien: „Da kommt es!“
Das ist sterben.
Charles Henry Brent

2 Kommentare

  1. Liebe Evi! Du bist schon immer eine sehr tapfere Frau. Danke für diesen Bericht, ich bewundere Deine große Stärke, auch wenn des öfteren Tränen fließen. Es ist halt so im Leben, wenn ein Kind auf die Welt kommt – freuen wir uns und sind dankbar, wenn ein Kind stirbt, sind wir unendlich traurig. Sei bitte dankbar, dass du ihn so lange haben konntest. Ich denke noch oft an unsere schöne gemeinsame Zeit. Ich wünsche Dir von ganzem Herzen viel Kraft. Alles Liebe Deine Johanna

    1. Liebe Johanna,
      vielen Dank für deine Zeilen. Mittlerweile bin ich soweit, dass auch ich es von dieser Seite betrachte, doch mitunter fällt es zugegebenermaßen schwer. Als Mutter verstehst du ganz bestimmt meine Gefühle. Ich wünsche dir alles Gute und denke auch oft an die gemeinsame Zeit zurück! Alles Liebe!

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