Wie nahe Leben und Abschied nehmen beinander liegen, verdeutlicht mein Jänner MoRüBli. Vom Geburtstagsreigen der Jänner-Jubilare zum radikalen Pflegealltag – ich lerne, wachse und bewege mich mittlerweile am Rande der Erschöpfung…
35 ist das Kind 🤪!
Am 4.1. feierten wir mit lieben Freunden und der Familie den 35er meiner backbegeisterten Tochter, die es sich nicht nehmen ließ, ihre Geburtstagstorte selbst zu machen, um ein neues Rezept auszuprobieren.

Fast hatte ich die Bestätigung beginnender Demenz, als mir 10 Minuten vor der vereinbarten Ankunftszeit der Gäste siedend heiß einfiel: „OMG, ich glaube, ich hab Christina den endgültigen Termin nicht mitgeteilt!“ (wir schwankten nämlich eine Zeit lang zwischen zwei Terminen) Die sofortige Überprüfung des Chatverlaufs bestätigte das auch …
Glücklicherweise reagierten meine Schwägerin und ihr Mann spontan und lösungsorientiert und verschoben den geplanten Besuch bei der Schwiegermama auf abends. Letztendlich verbrachten wir einen ausgesprochen netten und lustigen Nachmittag mit Freunden und Familie. Ich musste herzlich über mich selbst lachen (früher hätte ich mich wochenlang dafür gesteinigt).
Learning: persönliches Telefonat am Tag davor, wie in guten alten Zeiten 🤣!
66 Jahre MMH 🤠
Mit sechsundsechzig Jahren, da fängt das Leben an
Mit sechsundsechzig Jahren, da hat man Spaß daran
Mit sechsundsechzig Jahren, da kommt man erst in Schuss
Mit sechsundsechzig ist noch lange nicht Schluss
… so trällerte Udo Jürgens seit 1977 unzählige Male… Am 24.1. beginnt also das Leben vom MannMitHut so richtig, die geplante Geburtstagsfeier mit der Familie ist allerdings für den 1.2. geplant.

Jetzt ist wirklich Schluss!
Ende Jänner bekamen wir den letzten Teil unserer Einrichtung, den wir bei der Firma Scharfmüller nachbestellt hatten. Eine Akkustikpaneel-Spiegel-Kombi im Vorraum, um den Elektroverteiler zu verstecken. Schaut megaedel aus und bietet wieder ein vollkommen anderes Bild.

Wenn die Kräfte plötzlich schwinden…
Bis hierher hatte ich den MoRüBli im Laufe des Monats Jänner bereits niedergeschrieben. Innerhalb kürzester Zeit veränderte sich jedoch unsere familiäre Situation prekär, da sich der gesundheitliche Zustand meiner Mutter dramatisch verschlechterte.
Noch am 22.1. besuchten Mama und ich zuversichtlich die Schmerzambulanz des Herz Jesu Krankenhauses. Leider verlief dieser Termin nicht ganz so wie wir es hofften. Ein Ärztemarathon wurde uns in Aussicht gestellt, doch das war dann – selbst wenn wir es gewollt hätten – gar nicht mehr möglich.

Notarzt-Einsätze und Fahrten mit der Rettung ins Krankenhaus mehrten sich. Absolute Schwäche, krampfartige Muskelschmerzen und die Konsequenzen dieses Zustands, ließen für meine Mutter ihre Welt zusammenstürzen. Ich lerne täglich dazu, was man alles für die Pflege eines alten Menschen zuhause haben sollte, organisiere laufend Hilfsmittel und entsprechende Verordnungen.
Dankbarkeit für mein Umfeld
Gleichzeitig bin ich außerordentlich dankbar für zahlreiche Personen in meinem unmittelbaren Umfeld, die mir helfend zur Seite stehen. Menschen, die mir unvoreingenommen die Hand reichen und Hilfe anbieten:
Fordernder Pflegealltag
Es sind auch für mich absolut fordernde Tage und ich wachse in eine Situation hinein, von der ich hoffte, nie in diesem Ausmaß betroffen zu sein.
Täglich die Anspannung: was erwartet mich, wenn ich zu Mama hinunter komme? Wie geht es ihr? Wie schlimm sind die Schmerzen heute? Kommt sie überhaupt aus dem Bett hoch? Wie verzweifelt ist sie heute mit ihrer Situation? Treffe ich die richtigen Entscheidungen?

Gleichzeitig jedoch sehe ich es als meine Aufgabe ein gewisses Maß an Hoffnung aufrecht zu erhalten, sonst stürzt meine Mutter komplett in ein schwarzes Loch. Die Gratwanderung der Abgrenzung ist kräftezehrend und macht mich unglaublich müde.
Bei der Pflege von Angehörigen, die in einem solch schlechten gesundheitlichen Zustand sind, ist es unumgänglich, Abgrenzung zu lernen. Daneben zu sitzen, zu sehen, wie sich ein Mensch in Muskelkrämpfen windet und nichts wirklich Wirksames tun zu können, ist emotional belastend. Das und die zum Teil unausgesprochene Verzweiflung, machen mir am meisten zu schaffen.
Der wichtigste Mensch an meiner Seite, neben meinen Kindern, ist natürlich der MannMitHut. Mein Fels in der Brandung; mein Kuschelbär, wenn ich eine Umarmung brauche; meine Klagemauer, wenn mal was raus muss; derjenige, der einen klaren Kopf behält und lösungsorientiert denkt, wenn ich mich im Kreis drehe.
Liebevolle Abgrenzung lernen
In solchen Situationen führe ich mir immer vor Augen, dass unsere Seelen sich den irdischen Weg aussuchten, um zu lernen und zu wachsen. Auch ich habe eine Rolle übernommen und frage mich, was ich jetzt gerade lernen darf.
Für mich selbst einzustehen und mein eigenes Wohlergehen in den Vordergrund zu stellen? Zu artikulieren, wie es mir selbst dabei geht? Hilfe dankbar anzunehmen? Meine eigenen Ansprüche herunter zu schrauben und es auch mal gut sein zu lassen? Leicht fällt mir das noch immer nicht!
In den letzten sechs Jahren wurde ich wiederholt mit dem Sterben konfrontiert, musste mich diesem Thema stellen und miterleben, wie mir nahestehende Menschen und Tiere sich aus dem irdischen Leben zurückziehen. Erst mein Sohn, dann mein Vater, meine Psychologin und vor kurzem unsere Hündin Kaya. Ich lernte, die Wellen des emotionalen Schmerzes anzunehmen, bewusst hinein zu spüren und ihn ziehen zu lassen.

Diese wiederholten Begegnungen mit der Vergänglichkeit, machen etwas mit mir. Ich schreibe meine Bucket-List, ich erkenne meine Stärke und die Bedeutung dessen, was ich hier leiste. Dennoch bin ich mittlerweile erschöpft.
Loslassen & Abschied nehmen
Einerseits gibt mir die Konfrontation mit dem schrittweisen körperlichen Versagen die Möglichkeit, täglich ein kleines bisschen Abschied zu nehmen. Andererseits zeigt es die Notwendigkeit auf, sich selbstverantwortlich zeitgerecht gezielt mit dem eigenen Körper zu beschäftigen. Aktive Vorsorge zu betreiben, denn einen Teil unserer Gesundheit haben wir alle unbestritten selbst in der Hand.
Ernährung, Bewegung und Entspannung sind wertvolle Bausteine, doch gerade in dieser Phase fällt es mir schwer, die erforderliche Zeit dafür aufzubringen. So viele andere dringende Dinge sind gerade zu erledigen, um einem alten Menschen die letzten Tage, Wochen, Monate erträglich zu machen.
Ich weiß nicht, wie lange es noch dauert, doch jeder Moment ist kostbar. Meine Öle und Supplements sind ständige Begleiter, um möglichst gut über die Runden zu kommen und liebevoll geduldig den Raum für Loslassen und Sterben halten zu können.